Jahrbuch für Geschichte und Theorie der Biologie 3

Rheinberger, Hans-Jörg; Weingarten, Michael (Hg.)
Jahrbuch für Geschichte und Theorie der Biologie 3 / 1996
201 S., 17 x 24 cm, 4 Abb. u. Tab.
VWB-Verlag, Berlin 1996
ISBN 3-86135-362-8
27,00 Euro
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Themenschwerpunkt: Theoretische Biologie – Geschichte und gegenwärtige Perspektiven

Die Theoretische Biologie hatte eine kurze, aber bemerkenswerte Blüte in der Zeit von ca. 1900 bis zur Mitte dieses Jahrhunderts. Zwar hat es mit u.a. Max Hartmann, Ludwig von Bertalanffy oder Conrad Waddington auch in den Jahren danach noch bedeutende Biologen gegeben, die das Programm einer Theoretischen Biologie fortführten ohne es wirklich weiterzuentwickeln. Aber dass solche Bemühungen zu einer Institutionalisierung dieser Disziplin geführt hätten, lässt sich nicht sagen; nur als Mathematische Biologie, die gegenüber den ursprünglichen Fragestellungen ein verkürztes Programm darstellt, fand die Theoretische Biologie eine Weiterentwicklung.

Die Gründe für den Abbruch der Theoretischen Biologie sind mannigfaltig. Zum einen sicherlich ist zu bedenken, dass die Theoretische Biologie im Zusammenhang des Mechanismus-Vitalismus-Streites erste Konturen gewann. Mit dieser Orientierung an entwicklungsbiologischen Fragestellungen fand eine Übertragung, vielleicht sogar eine Identifizierung dieses Entwicklungsmodelles mit der Evolutionstheorie statt; mit der populationsbiologischen Wende der Evolutionstheorie musste daher die Problemstellung der Theoretischen Biologie einerseits als typologisch orientiert erscheinen; andererseits wurde die Redeweise von “dem Organismus” als dem Gegenstand der Biologie zunehmend fragwürdiger. Dies nicht nur wegen der unklaren Beziehung von Populationsdenken und Organismustheorie, sondern auch durch die Übernahme des Organismusbegriffes in gesellschaftstheoretische Kontexte bzw. sogar in ideologische Strömungen, die sich selbst verstanden als biologische Untermauerung des Faschismus.

Dieser ganze, noch weitgehend unaufgearbeitete Komplex von innerbiologischen Fragestellungen und politisch-ideologischem Kontext, der zum Scheitern der Theoretischen Biologie führte, wird weiter noch überlagert durch ein ungeklärtes Selbstverständnis der Theoretischen Biologie, welches ebenfalls aus dem Mechanismus-Vitalismus-Streit herrührt. Denn folgt man etwa der Argumentation Drieschs, dann handelt es sich bei der Theoretischen Biologie genau genommen um eine Philosophie der Biologie oder eine Theorie der Biologie; argumentiert man dagegen in der Tradition Roux’s, dann ist das Verhältnis von Theoretischer Biologie und den einzelnen empirischen bzw. experimentellen Disziplinen der Biologie in strikter Analogie zu denken zum Verhältnis von Theoretischer Physik und den experimentellen Teilen der Physik. Auch diese Fragestellung ist sowohl wissenschaftshistorisch als auch wissenschaftstheoretisch noch nicht bearbeitet.

Seit einigen Jahren nun finden verstärkt Bemühungen statt, die Theoretische Biologie als Disziplin wieder einzurichten und zu institutionalisieren. In der Art und Weise aber, wie für die Notwendigkeit der Theoretischen Biologie argumentiert wird, muss der Eindruck entstehen, dass wissenschaftstheoretische und -historische Rekonstruktionen zu den verschiedenen Traditionslinien der Theoretischen Biologie und den diesen Traditionslinien immanenten Gründen des Scheiterns weitgehend unbedacht bleiben. Dem versucht dieser Band des Jahrbuches entgegenzusteuern. So gibt der Artikel von W. Alt u.a. einen ersten systematisierenden Überblick über die Geschichte der Theoretischen Biologie und zugleich Hinweise auf Arbeitsgruppen und Forschungsschwerpunkte in der Theoretischen Biologie in der BRD heute. O. Breidbach und KI. Holthausen demonstrieren in ihrem Aufsatz die Vorgehensweise Theoretischer Biologie im kognitionswissenschaftlichen Forschungszusammenhang. Aus systemtheoretischer Sicht stellt G. Schlosser den Organismusbegriff in Frage. Dass aber sehr wohl zwischen Theoretischer Biologie und Theorie der Biologie unterschieden werden muss, zeigen in unterschiedlicher Weise die Beiträge von Chr. Hertler & I. Stieß sowie von M. Gutmann & M. Weingarten. Letztere versuchen das argumentative Potential der Philosophie Cassirers für die Grundlegung der Biologie fruchtbar zu machen; erstere greifen auf Konzepte des französischen Poststrukturalismus und feministischer Philosophie zurück, um überraschende Einsichten in den metaphorischen Sprachgebrauch einer Fachwissenschaft zu ermöglichen. G. von Wahlert zeigt dann in seiner Abhandlung die Notwendigkeit der ökologischen Erweiterung evolutionsbiologischer Fragestellungen auf. Im letzten Beitrag schließlich versuchen L. & M. Martins die methodologischen Überlegungen des viel gescholtenen, aber immer noch weitgehend unverstandenen Lamarck herauszuarbeiten.

Alle Beiträge arbeiten sich also in den verschiedensten Hinsichten an dem Problem “Theoretische Biologie” ab, ohne zu beanspruchen über abschließende Antworten zu verfügen. Die Herausgeben planen, schon in einem der nächsten Bände des Jahrbuches die Theoretische Biologie noch einmal zum Themenschwerpunkt zu machen – zu deutlich ist, wie viele historische und wissenschaftstheoretische Probleme einer weitergehenden Klärung bedürfen. […]

Inhalt

Vorbemerkung S. 5 – 6
Wolfgang Alt, Andreas Deutsch, Andrea Kamphuis, Jürgen Lenz & Beate Pfistner:
Zur Entwicklung der Theoretischen Biologie: Aspekte der Modellbildung und Mathematisierung.
S. 7 – 60
Olaf Breidbach & Klaus Holthausen:
Interne Repräsentation – Zur Analyse der Dynamik parallelverarbeitender Systeme
. 61 – 74
Gerhard Schlosser:
Der Organismus – eine Fiktion?
S. 75 – 92
Christine Hertler & Immanuel Stieß:
Experimentalsysteme, Postmoderner Körper und der Apparat der körperlichen Produktion.
S. 93 – 108
Mathias Gutman & Michael Weingarten:
Form als Reflexionsbegriff.
S. 109 – 130
Gerd von Wahlert:
Evolution als die Geschichte der belebten Erde: eine ergänzende Perspektive
S. 131 – 180
Lilian Al-Chueyr Pereira Martins & Roberto de Andrade Martins: Lamarck’s Method and Metaphysics. S. 181 – 199

 

 

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