Jahrbuch für Geschichte und Theorie der Biologie 4

Rheinberger, Hans-Jörg; Weingarten, Michael (Hg.)
Jahrbuch für Geschichte und Theorie der Biologie 4 / 1997
219 S., 17 x 24 cm, 4 Abb.
VWB-Verlag, Berlin 1997
ISBN 3-86135-363-6
27,00 Euro
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Themenschwerpunkt: Bioethik

Die schon lange andauernde Diskussion um Gentechnik und Reproduktionsmedizin, die anstehende Verabschiedung einer europäischen Konvention zur Bioethik, spätestens aber die jüngsten Berichte über die “Klonierung” von Säugetieren machen deutlich, dass die Biologie in vielen ihrer Disziplinen die Laborforschung verlassen hat und auf technische Anwendungen orientiert ist. So werden die neuen Bio- und Gentechniken ebenso zu den innovativen Technologien gezählt wie die Kommunikations- und Informationstechniken.

Dabei fällt auf, dass trotz der intensiven ethischen und rechtlichen Bemühungen um diese neuen Technologien wesentliche biologische und biotheoretische Grundfragen ausgeklammert bleiben: So ist z.B. die Frage des Anschlusses ethischer Reflexionen an biologisches Wissen kein eigenes Thema der Diskussion, obwohl doch etwa hinsichtlich der genetischen Grundlagen der Gentechnik jedem mit diesem Forschungsbereich Vertrauten bekannt ist, dass innerhalb der Populationsbiologie selbst oder zwischen Populationsbiologie und Molekulargenetik der Gen-Begriff höchst kontrovers verhandelt wird – mit drastischen Konsequenzen etwa hinsichtlich der Beurteilung der (technischen) Möglichkeiten der Gentechnik. Vielmehr wird der Eindruck erweckt, als unterstellten die Ethiker die Wahrheit biologischer Aussagen ohne jegliche nähere Prüfung. Deutlich wird die Unklarheit des Anschlusses des ethischen Diskurses an die Biologie aber auch im Falle der Berichterstattung über die “Klonierung” von Säugetieren. Denn als biologischer Terminus ausgewiesen ist der Begriff des “Klons” oder des Verfahrens der “Klonierung” nur bei asexuell sich vermehrenden Lebewesen; zu fragen wäre damit, was mit “Klonieren” eines Schafes denn eigentlich mehr gemeint sein kann als ein bestimmtes, vielleicht neues (mikrobiologisches) Verfahren der Züchtung von Zwillingen. Und biologiehistorisch wäre zu prüfen, ob dieses Verfahren als Verfahren wirklich so neu ist, oder ob nicht schon die Experimente Hans Spemanns seit den 20iger und 30iger Jahren dieses Jahrhunderts auf eben diesen Verfahren beruhten; somit also nur die Tiergruppe und vielleicht Verfahrensmodalitäten sich geändert haben.

Schließlich kann die Biologie-Geschichte zeigen, dass Utopien der (beliebigen) Züchtbarkeit von Lebewesen ebenfalls keine modernen Vorstellungen sind, sondern sich durch die gesamte überlieferte Kulturgeschichte der Menschheit hindurchziehen und je nach Wissensstand unterschiedliche Ausprägungen erfahren haben. Dieses vonseiten der Biologiegeschichtsschreibung zur Verfügung gestellte reichhaltige Material wird aber – leider – weder von den Ethikern zureichend benutzt noch von den Biologen, die allzu schnell und allzu gerne im Labor erworbene technische Fertigkeiten als revolutionäre Erfindungen dem verblüfften Publikum vorstellen. Und zuletzt soll festgehalten werden, dass die Biologen dort, wo sie selbst über ethische Konsequenzen ihres Tuns reflektieren, kaum den Anschluss finden an den Diskussionsstand innerhalb der modernen Ethik. Alles in allem also: Das Spektrum dessen, was im Zusammenhang der Bioethik bearbeitet und diskutiert werden müsste an wissenschaftshistorischen, wissenschaftstheoretischen und ethischen Problemen, ist so umfangreich und reichhaltig, dass jeder Beitrag und jeder Band nur den Anspruch erheben kann, für kleine Teilbereiche vielleicht Präzisierungen und Weiterführungen geleistet, aber keine endgültige und allumfassende Antwort gegeben zu haben. So sollte es nicht überraschen, wenn die einzelnen Autoren dieses Bandes mehr Fragen stellen und sich bemühen, diese Fragen präzise zu stellen, als dass sie Antworten zu geben versuchen.

Die Herausgeber hoffen, zu dem Themenkomplex Bioethik künftig immer wieder Beiträge präsentieren zu können; insbesondere Beiträge, die sich um ein wechselseitiges Aufeinanderzugehen von Biologie, Wissenschaftsgeschichte und -theorie der Biologie sowie Praktischer Philosophie und Ethik bemühen; in der Hoffnung, Kommunikationsbarrieren abbauen zu können. […]

Inhalt

Vorbemerkung S. 5 – 6
Wolf Singer:
Für und wider die Natur?
S. 7 – 14
Axel Ziemke, Simone Cardoso de Oliveira:
Braucht die Hirnforschung eine neue Ethik? Zur Begründung eines normativen Wissenschaftsverständnisses in den Neurowissenschaften
S. 15 – 33
Thorsten Galert:
Mitleidsethik und der Status der Tiere.
S. 35 – 125
Susanne Lumbach:
Heidegger versus contemporary animal ethics
S. 127 – 137
Christian Monnerjahn:
Brauchen Biologen eine Standesethik?
S. 139 – 148
Wolfgang Fr. Gutmann:
Autonomie und Autodestruktion der Organismen
S. 149 – 178
Gerhard Wagenitz:
Die “Scala naturae” in der Naturgeschichte des 18. Jahrhunderts und ihre Kritiker
S. 179 – 195
Annette Barkhaus:
Vom “Mängelwesen” zum Herrscher über Mensch und Tier. Eine Analyse der Anthropologie Buffons
S. 197 – 218

 

 

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