CfP: 26. Jahrestagung der DGGTB e. V.

Call for Papers: Zur Geschichte der Wissenschaft von der Verbreitung der Organismen – Der lange Weg zu einer wissenschaftlichen Biogeographie

Einsendeschluss 28. Februar 2017
Datum 22. – 25. Juni 2017
Ort Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere, Stiftung öffentlichen Rechts, Adenauerallee 160, 53113 Bonn

Die Deutsche Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie e. V. wendet sich auf ihrer 26. Jahrestagung, die vom 22. Juni bis zum 25. Juni 2017 im Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn stattfinden wird, der Geschichte und Theorie der Biogeographie zu. Ziel der Tagung ist es, einen Überblick über die historische Entwicklung dieser Fachrichtung zu geben und die theoretischen Wechselwirkungen an der Schnittstelle von Geographie und Biologie genauer in den Blick zu nehmen, ohne dabei die Aktualität des Themenfeldes außer Acht zu lassen.

Wie ändert sich der wissenschaftliche Blick auf die Verbreitung der Organismen im Laufe der Geschichte? Und durch welche technischen, methodischen, aber auch gesellschaftlichen Faktoren wird dieser Blick beeinflusst? Erste Überlegungen und Darstellungen zur Verbreitung von Organismen sind bereits aus der Antike überliefert. Im 17. Jahrhundert entstanden – veranlasst durch die Diskussionen klerikaler Vertreter und Naturalisten über die organismische Neubesiedlung der Erde nach der Sintflut – weitere Vorstellungen von der Verbreitung des Lebens auf der Erde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte E. A. W. von Zimmermann (1743 – 1815) ein Programm für die Erforschung der räumlichen Ordnung der Dinge in den drei Naturreichen, das nachfolgend Zoogeographen wie J. K. W. Illiger (1775 – 1813) und K. J. A. Minding (1808 – 1850) beeinflusste. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ermöglichten die Arbeiten A. von Humboldts (1769 – 1859) eine empirisch-statistische Vegetationsgeographie, auf deren Grundlage sich in den 1830er-Jahren die vegetationskundliche Arbeitsrichtung in Biologie und Geographie entwickelte, zu deren Hauptvertretern u. a. der Schweizer Paläontologe, Botaniker und Entomologe O. Heer (1809 – 1883) und der österreichische Botaniker und Paläontologe F. Unger (1800 – 1870) gehören. Mit der zunehmenden Verbreitung der Transmutations- und Deszendenztheorien, besonders seit 1859 infolge von Ch. Darwins (1809 – 1882) epochemachendem Werk, breitete sich auch eine zentrale Voraussetzung für eine bessere Erklärung der Verbreitungsbilder und -mechanismen von Lebewesen aus. So leistete der britische Naturforscher A. R. Wallace (1823 – 1913) mit Werken wie Die Geographische Verteilung der Tiere (1876) entscheidende Beiträge zu einer evolutionistischen Erklärung zoogeographischer Phänomene. Durch die nachfolgende Diversifizierung der phyto- und zoogeographischen Ansätze – durch zum Teil auch heute wenig bekannte Biogeographen – existierte gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Vielfalt von Begriffen und Konzepten, wie z. B. A. Grisebachs (1814 – 1879) „pflanzengeogra­phische Formation“, die für die Weiterentwicklung der Biogeographie im 20. Jahrhundert von Bedeutung waren. Die phyto- und zoogeographischen Entwicklungen begründeten im 20. Jahrhundert zonale Verbreitungsbereiche, die durch Modelle der Erdregionen erklärt werden. Seit dem Ende der 1980er Jahre lässt sich durch die Anwendung molekulargenetischer Untersuchungsmethoden die Ausbreitung einzelner Taxa genauer nachzeichnen und derart auch die Geschichte der Menschheit („mitochondriale Eva“) mit neuen Mitteln rekonstruieren.

Alle Interessenten sind herzlich eingeladen, sich mit eigenen Beiträgen an der Tagung zu beteiligen. Die Organisatoren bitten um Bewerbungen zu den unten aufgeführten Themenbereichen für Vorträge von 20 Minuten (plus 10 Minuten anschließender Diskussion), die idealerweise auf neuerer oder laufender Forschung basieren. Bitte senden Sie die Bewerbung für Ihren Vortrag samt Vortragsskizzen bis zum 28. Februar 2017 per Post oder E-Mail an die Geschäftsführung der DGGTB e. V. (Kontaktadresse: Stefan Lux, M.Sc., Thomas-Mann-Straße 6, 07743 Jena, geschaeftsfuehrung@geschichte-der-biologie.de). Die Vortragsskizzen sollten den Vortragstitel, eine Beschreibung des geplanten Vortrags (max. 300 Wörter, auf Deutsch oder Englisch), sowie den Namen und die Kontaktdaten der bzw. des Referierenden enthalten.

Themenschwerpunkte
Der Aufruf richtet sich an WissenschaftlerInnen und Nachwuchskräfte verschiedener Disziplinen (beispielsweise aus der Geschichte und Philosophie der Biologie bzw. der Geographie, Wissenschaftsgeschichte, Biologie, Geologie, Paläontologie, Philosophie u.a.m.). Die thematische Ausrichtung der Tagung ist bewusst offen gehalten, um einen fachübergreifenden und multiperspektivischen Diskurs zu ermöglichen und die Impulse aus den unterschiedlichen Fachbereichen nicht auszubremsen. Die nachfolgend aufgeführten Themenschwerpunkte sind von besonderem Interesse:

  • Historische Biogeographie: Überblicksdarstellungen, Kontextualisierung. Der Weg von den ersten Überlegungen und Darstellungen der Antike, über die Herausbildung einer „wissenschaftlichen“ Biogeographie im 19. Jahrhundert hin zur Biogeographie im 20. und 21. Jahrhundert.
  • Biographien: Biogeographen und deren zentrale Arbeiten. Dabei interessiert nicht nur der Einfluss der großen Forscherpersönlichkeiten wie Humboldt, Grisebach und Darwin, sondern auch jener Wissenschaftler, die durch die Forschung bisher nicht hinreichend gewürdigt wurden. Besonders erwünscht sind Beiträge, die neue Perspektiven eröffnen und / oder neue Quellen erschließen.
  • Interdisziplinarität: zum Verhältnis von Biogeographie, Biologie und Geographie. Von Interesse ist hierbei der wechselseitige Einfluss theoretischer Entwicklungen, wie er etwa in der Geschichte der Nutzung von Leitfossilien für die Festlegung einer relativen Zeitskala der Erdgeschichte oder im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kontinentalverschiebungstheorie A. Wegeners (1880  1930) deutlich hervortritt.
  • (Verbreitungs-)Karten und bildliche Repräsentation: Entwicklung von biogeographischen Karten bis in die heutige Zeit. Wie werden dabei Information dargestellt, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Instrumenten und Methoden werden sie gewonnen, und zu welchem Zweck? Und welche Auswirkungen haben technische Veränderungen, wie Druckverfahren oder – in jüngerer Zeit – die zunehmende Digitalisierung samt neuer Analysemöglichkeiten oder die Nutzung von Satelliten-Technik?
  • Gesellschaftliche / Aktuelle Bedeutung: Von Interesse sind beispielsweise die Wechselwirkungen der Biogeographie mit dem Naturschutz, besonders mit Blick auf die neuen Anforderungen im Kontext einer zunehmend globalisierten Welt oder auch im Zusammenhang mit den Implikationen von genmodifizierten Organismen. Ein weiteres Augenmerk liegt auf der Beziehung zur Landschaftsgestaltung und Züchtungsforschung, sowie ihrer konzeptuellen Bedeutung für die Geschichte der Präsentation von Tieren und Pflanzen in Zoologischen und Botanischen Gärten.
  • Wanderungsbewegungen: bei Pflanzen- und Tiersystemen sowie in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Zur Auseinandersetzung mit der Frage nach den Wirkungen der Einwanderung von Arten in andere Biozönosen, insbesondere auf endemische Arten. Beides in historischer Perspektive, etwa mit Blick auf M. Wagners (1813 – 1887) Migrationstheorie oder Ph. L. Sclaters (1829 – 1913) Lemuria-Hypothese.

Darüber hinaus sind Beiträge über biogeographische Sammlungen und die Frage, wie diese genutzt wurden, zu Speziellen Theorien (Schöpfungsmittelpunkte, Ausbreitungszentren, Pangeographie) und zur Institutionalisierung der Biogeographie willkommen.

Weitere organisatorische Hinweise
Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Für die Übernahme von Reisekosten stehen nach Antrag beim Vorstand der DGGTB e. V. begrenzte und von der Teilnehmerzahl abhängige Mittel zur Verfügung. Ebenso streben wir eine Verminderung oder Erstattung der Tagungsgebühr für unsere Referentinnen und Referenten an. Eine Publikation der Vorträge im 22. Band der Verhandlungen zur Geschichte und Theorie der Biologie ist geplant. Neben dem genannten Rahmenthema der Tagung besteht zudem auch dieses Jahr wieder die Möglichkeit, weitere Vorträge zu freien Themen (ebenfalls 20 Minuten + 10 Minuten Diskussion) aus dem Bereich der Biologiegeschichte und Biologiephilosophie in das Programm einzubinden. Die Anmeldungen ganzer Sektionen zum Tagungsthema sind nach Rücksprache mit dem Vorstand der DGGTB e. V. ebenfalls möglich, thematische Anregungen sind willkommen.

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