Annals of the History and Philosophy of Biology 18

Deutsche Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie (Hg.)
Karl Porges: Evolutionsbiologie im Biologieunterricht der SBZ/DDR
(Annals of the History and Philosophy of Biology 18 / 2013)
310 Seiten, 17 x 24, Softcover
Unversitätsverlag Göttingen 2018
ISBN: 978 – 3-86395 – 333-1
DOI: https://doi.org/10.17875/gup2018-1065
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Inhalt

Danksagung S. 5
Geleitwort von Gertrud Kummer S. 9 – 10
Einleitung S. 11 – 18
Zum Stellenwert der Schulbuchforschung S. 19 – 38
Evolutionsbiologie im Wandel S. 39 – 60
Das Bildungssystem der DDR und das Schulfach Biologie S. 61 – 100
Unterrichtsmedien im Biologieunterricht S. 101 – 130
Der Lehrplan für Biologie S. 131 – 168
Das Biologielehrbuch für die Klasse 8 S. 169 – 194
Das Biologielehrbuch für die Klasse 10 S. 195 – 226
Das Biologielehrbuch für die Klasse 12 S. 227 – 254
Fazit S. 255 – 264
Literaturverzeichnis S. 265 – 298
Personenregister S. 299 – 304
Abbildungsverzeichnis S. 305 – 307
Tabellenverzeichnis S. 308 – 310

 

Zusammenfassung / Abstract

Erkenntnisse aus den Bereichen der Evolutionsbiologie prägten wissenschaftliche und öffentliche Debatten der letzten 200 Jahre. Bereits 1877 forderte Ernst Haeckel ihre Einbindung in den Schulunterricht und stieß damit auf heftigen Widerstand (vgl. Hoßfeld, 2010, S. 56). Wie Lässig (2010, S. 199) darlegt, wird Wissen gesellschaftlich vorstrukturiert. Ziel der Arbeit ist es, die Genese von Stellenwert und Darstellung evolutionsbiologischer Inhalte im Biologieunterricht der SBZ/DDR aufzuzeigen sowie diese in den jeweils herrschenden Kontext politisch-gesellschaftlicher Entwicklungen einzubetten. Ausgangsmaterialien sind relevante Lehrpläne sowie Schullehrbücher als „konkreteste Kodifizierung des in den Lehrplänen fixierten Inhalts“ (Neuner, 1989, S. 411). Eine primär deskriptive Examensarbeit dient der Untersuchung als Grundlage, da die Geschichte des Schülerbuches bisher nur in wenigen Fachbereichen gründlich erforscht ist (vgl. Rommel, 2006; vgl. Pöggeler, 2003, S. 37). Darauf aufbauend wird ein Analyseraster vorgestellt, welches einem multidimensionalen Forschungsansatz folgend, Aspekte der Bezugssysteme Design, Fachdidaktik und Fachwissenschaft Biologie beinhaltet. Die Auswertung der Quellen erfolgt produktorientiert in Einzel- und vertikalen Gruppenanalysen unter dem Primat der Interdisziplinarität mittels inhaltsanalytischer Methoden. Bei der abschließenden Diskussion der Ergebnisse wird die Rückwirkung soziokultureller Veränderungen auf die Schulbücher verdeutlicht. Es wird gezeigt, dass evolutionsbiologischen Inhalten im Biologieunterricht der SBZ/DDR eine exponierte Stellung zukam, deren Darstellung divergenten Ansätzen und Präferenzen folgte. In diesem Zusammenhang erfolgt die Einordnung der Lehr- und Lernmaterialien als Informatorium, Pädagogikum und Politikum (vgl. Stein, 1991).

The scientific and public discussions over the last 200 years were shaped by findings from the field of evolutionary biology. Back in 1877, when Ernst Haeckel asked for the inclusion of evolutionary biology into class, he was met with fierce resistance (see Hoßfeld, 2010, p. 56). As Lässig (2010, p. 199) argues, knowledge is socially shaped. The aim of this study is to reveal the development of the significance as well as presentation of evolutionary biological contents in biology class within the SOZ/GDR and to embed it into the context of the respective prevailing political and social developments. Relevant curricula and schoolbooks as the most precise codification of the curricula fixed contents (see Neuner, 1989, p. 411) were used as raw material. For most subjects the history of school books is barely studied (see Pöggeler, 2003, p. 37). Therefore, as basis for this study, only one primary descriptive thesis about evolutionary biology in class (Rommel, 2006) could be used. Based thereupon an analytical framework will be introduced which follows a multidimensional approach of research by containing aspects of the three reference systems design, subject didactics and subject discipline. Product oriented separate and group analyses were used to evaluate the sources. This was carried out under the primacy of interdisciplinarity via analysis by content. The feedback of sociocultural changes on school books will be clarified in the concluding discussion. It will be shown that evolutionary contents occupied a significant position in biology classes within the SOZ/GDR and that the expression of those contents followed divergent approaches and preferences. The classification of teaching and learning material as an informational, pedagogical and political issue (see Stein, 1991) is taking place in the same context.

Einleitung

Die Institution Schule ist ein Grundpfeiler unserer modernen Gesellschaft, denn im Unterricht werden „Qualifikations- und Sozialisationsleistungen im Hinblick auf die Erhaltung und Sicherung der Gesellschaft“ erbracht (Fees 2006: 82). Doch sie ist ebenso „eine historisch entstandene und damit auch stets zu hinterfragende Lösung, dem Anspruch des Menschen auf Bildung zu entsprechen“ (ebd.). Beides führt dazu, dass Schule „in ihrer Existenz abhängig von historischen und sozialen Kontexten“ ist und „einem ständigen Reformdruck“ unterliegt (ebd.: 86). Der Historiker Sellin (2008: 154) betont: „Wo immer der Mensch handelt, sind Mentalitäten, wo immer er sich über sein Verhalten äußert und Rechenschaft ablegt, sind Ideologien im Spiel.“ Dies wirkt sich letztlich auch auf schulische Inhalte aus, die in Lehr- und Lernmaterialien festgeschrieben sind. Lässig (2010: 199) resümiert folgerichtig, dass „Wissen […] bis heute abhängig von dem [ist], was gesellschaftlich vorstrukturiert und medial vermittelt wird“. Für Lehrwerke bedeutet dies, dass sie „immer auch ein Spiegel ihrer Zeit sind“ (Jürgens 2006: 406) und jegliche Veränderungen an ihnen auch auf gesellschaftliche Veränderungen hinweisen. Nach Neuner (1989: 15) lassen sich gar „aus der Analyse von Lehrplänen und anderen Unterrichtsmaterialien […] die direktesten Rückschlüsse auf verfolgte Absichten und Ziele, auf Ideen und Werte, auf vertretene Theorien ziehen“.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich zwei allgemeine Hypothesen. Erstens verändern sich die Darstellung und der Stellenwert schulischer Vorgaben in den Lehr- und Lernmaterialien. Zweitens stehen diese Modifikationen in den Materialien der allgemeinbildenden Schulen im Zusammenhang mit der soziokulturellen Entwicklung eines Staates und der Genese des Bildungssystems. Das Modell des didaktischen Dreiecks ergänzt dieses Gedankengebäude. Der mittels Lehrplänen administrativ vorgegeben Lehrstoff, der die Grundlage der Interaktion zwischen Lehrkraft und Schüler bildet, beeinflusst den Unterricht. Grundlegend bilden also historische Lehrpläne und Lehrbücher einen Zugang zu vergangenen Unterrichts-vorstellungen. Lehr- und Lernmaterialien, die einer staatlichen Kontrolle, dem Erkenntniszugewinn der jeweiligen Fachwissenschaft im Speziellen, der Pädagogik und Didaktik im Allgemeinen sowie dem technischen Fortschritt unterliegen, sind somit Zeugen gesellschaftlicher und (fach-)wissenschaftlicher Entwicklungen.

Eine Analyse von Lehr- und Lernmaterialien, die das Ziel verfolgt, ein Abbild der inhaltlichen, strukturellen und visuellen Realitäten der Quellen zu erstellen, ermöglicht folglich einen Einblick in das gesellschaftlich gewünschte Schulgeschehen. Einleitend befasst sich das erste Kapitel dieser Studie mit der Schulbuchforschung und der aus ihr hervorgehenden Lehrplan- und Lehrbuchtheorie sowie methodologischen Überlegungen. Trotz bestehender Fachdidaktiken resümiert Pöggeler (2003), dass die Geschichte des Schulbuches nicht in allen schulpädagogischen Teildisziplinen erforscht ist. Mittlerweile existiert jedoch eine Vielzahl von Beiträgen, die diesen Überlegungen folgt und sich mit historischen Analysen einzelner Schulfächer beschäftigt (vgl. u. a. Fischer 2004; Stürmer 2014; Wagner 2016). Befassen sich diese Arbeiten dabei mit dem Bildungssystem der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), so wird deutlich, dass die Lehrpläne eine „verbindliche Grundlage für den Unterricht“ darstellten und „mit gewissen Einschränkungen den Unterricht selbst“ widerspiegelten (Tille 1992a: 321). In dieser Linie verortet sich auch die hier vorliegende Studie. Dennoch sollte der Fehler vermieden werden, die Ergebnisse mit der Unterrichtsrealität gleichzusetzen. Vielmehr ermöglichen Schulbuchanalysen, die sich von technologischen und prognostischen Forschungen abgrenzen, retrospektiv Ergebnisse und Entwicklungen zu beschreiben und „für eine bereits geschehene und vorliegende Wirkung (B) nachträglich Ursachen (A) zu postulieren“ (Krüger und Vogt 2007: 5). Die Auseinandersetzung mit der Schulgeschichte der DDR als Teil der Zeitgeschichte ist auch insofern relevant, da die Auswirkungen der Bildungs- und Erziehungsinhalte der DDR nachwirken. Zeitzeugen und mit ihnen ihre Schulbildung, die stets auch den Blick auf die Welt prägt, sind Teil unserer Gesellschaft.

Bisher weitgehend unbeachtet blieb eine wissenschaftshistorische Beschäftigung mit der Geschichte des Biologieunterrichts in der DDR. Zwar betonen die Biologiedidaktiker Berck und Graf (2010: 279), „dass es ‚den‘ Biologieunterricht nicht gibt“. Jedoch erkennen sie, dass sich „aus dem Studium der Geschichte des naturwissenschaftlichen, speziell des biologischen Unterrichts […] Einsichten ergeben [können], was an historischen Erfahrungen heute effektiv zu übernehmen oder abzulehnen ist“ (ebd.: 22). Vor diesem Hintergrund kann eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Biologieunterrichtes auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) sowie der DDR zumindest Denkanstöße für Entwicklungen und notwendige Reformen liefern, um die vielfältigen Herausforderungen der Gegenwart zu meistern.

Innerhalb des Fächerkanons liegt eine zentrale Bedeutung des Schulfaches Biologie in seiner Funktion als „Brückenfach zwischen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften auf der einen Seite sowie Naturwissenschaften und ihre technischen Anwendungen auf der anderen Seite“. Die Mannigfaltigkeit der Inhalte des Faches charakterisiert Meisert (2008) durch die Begriffe Vielfalt und Komplexität biologischer Phänomene sowie Funktionalität. Innerhalb der Biowissenschaften wiederum stellt die Fachdisziplin Evolutionsbiologie ein verbindendes, da historisch-erklärendes, Element dar (Gropengießer & Kattmann 2006). Evolutionstheorien sind folglich „für ein grundlegendes Verständnis von Biologie unabdingbar“ und sollten „einen zentralen Platz im Biologieunterricht einnehmen“ (Wallin 2011: 122). Das zweite Kapitel der vorliegenden Studie zeichnet die historische Entwicklung des Konstrukts Evolutionsbiologie nach, definiert wesentliche Begriffe und diskutiert Befunde schulbiologisch relevanter evolutionsbiologischer Forschungsfelder. Exemplarisch werden Auseinandersetzungen um die Evolutionsbiologie als eine Folge gesellschaftlicher Diskurse vorgestellt. Der Fokus liegt hier auf Entwicklungen im Rahmen der sozialistisch-kommunistischen Ideologie des 19. und 20. Jahrhunderts sowie in aktueller Perspektive auf dem Darwin-Jahr 2009, (populär)wissenschaftlichen und kreationistischen Bestrebungen.

Trotz oder gerade wegen ihrem Bildungsbeitrag stehen evolutionsbiologische Inhalte nicht nur im Zentrum wissenschaftlicher, sondern auch gesellschaftlicher und somit schulpolitischer Diskurse. Die Erklärung der Evolutionsprozesse war und ist, mehr als andere wissenschaftliche Erkenntnisse, von gesellschaftlichen Reaktionen begleitet, da sie oftmals im Widerspruch zu tradierten Vorstellungen steht und, wenn auch von Charles Darwin (1809 – 1882) nicht gewollt, Ausgangspunkt für sozialwissenschaftliche Interpretationen, politische Ansichten und Deutungen bot (Hoßfeld & Brömer 2001; Engels 2009). Bereits 1877 forderte Ernst Haeckel (1834 – 1919) die Einbindung evolutionsbiologischer Inhalte in den Schulunterricht. Er stieß jedoch seinerzeit auf heftigen Widerstand. Der Fall Hermann Müller (1829 – 1883) führte in Preußen gar zur Abschaffung des Biologieunterrichtes in den oberen Klassen der höheren Lehranstalten (Hoßfeld 2010). Zwar ist die unterrichtliche Behandlung der Evolutionsbiologie heute Standard, dennoch zeigen aktuelle Diskussionen um den Kreationismus, dass eine Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse stets neu erstritten werden muss (Kutschera 2008; Junker 2011; Waschke & Lammers 2011; Porges 2016a).

Auch aktuelle Reformen im Thüringer Bildungswesen, wie die Abschaffung des Biologieunterrichtes in der Orientierungsstufe, verdeutlichen, dass für die Evolutionsbiologie als grundlegend erachtete Erkenntnisse keinen sicheren Stand haben (Beese 2012). Graf (2009: 4) resümiert, dass „der zentralen Bedeutung der Evolutionsbiologie in der Schule […] nur unzureichend Rechnung getragen [wird, da die Behandlung] erst in den Abschlussklassen […] und damit viel zu spät [erfolgt]“. Einen Grund sieht Krull (2011: 6) darin, dass vor dem Hintergrund der Schrecken des Nationalsozialismus „diese Disziplin bis heute in den Lehrplänen deutscher Schulen und Hochschulen ein Schattendasein führt“ (vgl. auch Griffhorn & Langlet 2006). Es verwundert daher nicht, dass sich erst im Jahr 2002 ein Arbeitskreis Evolutionsbiologie im Verband deutscher Biologen und biowissenschaftlicher Fach-gesellschaften (vdbiol) gründete. Hier greift schlicht die Tatsache, dass „das Lehrgebiet Evolutionsbiologie an deutschen Universitäten unterrepräsentiert war“ (Kutschera & Hoßfeld 2012: 20). Andererseits ist das Bemühen erkennbar, die Fach-disziplin Evolutionsbiologie bereits in der Grundschule zu verankern (Marquardt-Mau & Rojek 2011; Rojek et al. 2012; Graf et al. 2015). Denn sie liefert selbst vor dem Hintergrund eines inklusiven Bildungssettings einen Beitrag zum Verständnis der Welt (Porges & Porges 2017).

Debatten um die Evolutionsbiologie und ihre Behandlung im Unterricht sind letztlich als Folge gesellschaftlicher Entwicklungen in politischen Systemen zu verstehen. Eine wissenschaftshistorische Auseinandersetzung mit dieser Fachdisziplin ermöglicht somit einen Einblick in das komplexe Wechselspiel zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Vor diesem spannungsreichen Hintergrund soll die vorliegende Studie klären, wie evolutionsbiologische Inhalte auf dem Gebiet der SBZ/DDR Eingang in den Unterricht fanden, welche Bedeutung ihr im Rahmen von Schule und Bildung beigemessen wurde und welche inhaltlichen Präferenzen in relevanten Lehr- und Lernmaterialien verortet waren. Ziel der vorliegenden Analyse ist es, anhand der Genese von Stellenwert und Darstellung evolutionsbiologischer Inhalte im Lehrplan und Schulbuch für den Biologieunterricht auf dem Gebiet der SBZ/DDR exemplarisch die enge Verknüpfung zu politisch-gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen und Diskursen aufzuzeigen. Dabei begreift sie die Auseinandersetzungen um die Evolutionsbiologie und ihre Behandlung im Unterricht als eine Folge gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Diskurse, Entwicklungen und politischer Systeme.

Die Arbeit verfolgt dabei zwei wesentliche Ziele: Erstens kategorisiert sie die in den Dokumenten abgebildeten Inhalte der Evolutionsbiologie und verdeutlicht so die Genese von Stellenwert und Darstellung. Zweitens stellt sie Präferenzen und deren Veränderungen in den Kontext schulpolitischer, gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Diskurse. Die entsprechenden Rahmenbedingungen schulischer Lehr- und Lernmaterialien werden im dritten Kapitel vorgestellt. Konkret betrifft das die strukturelle Entwicklung des allgemeinbildenden Schulsystems in der SBZ/DDR, die Ausbildung der Lehrkräfte und die Phasen der Lehrplanentwicklung. Anschließend wird das Schulfach Biologie auf dem ehemaligen Gebiet der SBZ/DDR skizziert und die Entwicklung und die Aufgabenfelder der Sektion Schulbiologie der Biologischen Gesellschaft in der DDR nachgezeichnet.

Zwar sind Studien zum Biologieunterricht auf dem Gebiet der DDR unter verschiedenen Schwerpunktsetzungen vorhanden, ein Desiderat bleibt jedoch eine leitfadenorientierte Auseinandersetzung mit den Schulmaterialien zum inhaltlich zentralen Aspekt Evolutionsbiologie in der SBZ/DDR. Nicht unerwähnt bleiben soll der richtungsweisende Beitrag Evolutionsbiologie und Schule von Rommel (2006). Die vorliegende Arbeit, die sich als Beitrag zur Geschichte des Biologie-unterrichtes in Deutschland versteht, liefert im vierten Kapitel eine Bestandsaufnahme der Lehrpläne und Schullehrbücher des Biologieunterrichts sowie weiterer Unterrichtsmedien und verortet diese im Rahmen einer historischen Quellenforschung zusammengestellten Dokumente in ihrem historischen Kontext. Sie bezieht Lehrpläne und Lehrbücher der 8., 10. und 12. Klassenstufe sowie Direktiven, Korrekturen und Anweisungen zum Lehrplan mit ein. Dabei wird die Entwicklung der Schulbiologie am Beispiel der Evolutionsbiologie chronologisch rekonstruiert.

Die Biologielehrpläne als administrative Vorgaben für die Unterrichtsplanung sowie das Biologieschulbuch, das als biologiedidaktisches Dokument eine zentrale Rolle im Unterrichtsprozess einnimmt und die Geschichte des Biologieunterrichtes widerspiegelt (Berck & Graf 2010), stehen im Zentrum der Analyse. Diese nimmt ideologische Vorgaben, das Layout, die Fachinhalte und die didaktisch-methodischen Besonderheiten fakten- und leitfadenorientiert in den Blick und bietet einen Pool quantifizierbarer Daten. Inhaltliche Entwicklungen, Veränderungen sowie Anpassungen werden herausgestellt und Interpretationsansätze angeboten, die neben der publizistischen die gesellschaftliche Ebene beleuchten. Exemplarisch wird die Rolle der Lehr- und Lernmaterialien bei gesellschaftlichen Transformationsprozessen betont. Dabei ermöglicht der historische Abstand, „die zeitbedingten politischen und ideologischen Färbungen aus einer distanzierten Perspektive zu betrachten“ (Wagner 2016: 7).

Die Kapitel fünf bis acht dienen der Ergebnisdarstellung der Lehrplan- und Lehrbuchanalyse, nach dem in Kapitel eins vorgestellten methodischen Leitfaden. Abschließend greift das neunte Kapitel auf die Fragestellungen zurück, um letztlich die Wirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf die gewählten Bildungsmedien aufzuzeigen. Ein Erkenntniszugewinn entsteht, da erstmals die Evolutionsbiologie als Lehr- und Lerneinheit im Gesellschaftsbereich Schule im genannten Zeitraum empirisch erfasst, interpretiert und kontextualisiert wird. Die Analyse der Lehrwerke und Lehrpläne der SBZ/DDR ermöglicht einen Einblick in den Schulalltag, da in allen Klassen einer Jahrgangsstufe innerhalb einer Schulart auf dem Staatsgebiet der DDR die gleichen Lehrpläne und Unterrichtsmedien genutzt wurden. Somit ist eine Vergleichbarkeit der Medien für alle Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs möglich. Dies ist ein entscheidender Unterschied zum Schulwesen der Bundesrepublik Deutschland (BRD). Da hier die Zuständigkeit über das Schul- und Hochschulwesen bei den Bundesländern liegt, können Teile des Bildungssystems sowie Lehr- und Lernmaterialien unterschiedlich sein. Die Arbeit will als Teil der historischen Schulbuch- und Lehrplanforschung und somit der historischen Bildungsforschung auf diesem Weg letztlich einen Beitrag zur Geschichte des Biologieunterrichtes im deutschsprachigen Raum leisten. Anhand dieser Gesamtschau soll, dem Selbstverständnis der Schulbuchforschung entsprechend, ein Beitrag „zum besseren Verständnis der Schule als Wissensvermittlerin in der Gesellschaft“ entstehen (Depaepe & Simon 2003: 66).

 

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