Band 15 – Disziplingenese im 20. Jahrhundert

Kaasch, Joachim; Kaasch, Michael (Hg.)
Disziplingenese im 20. Jahrhundert. Beiträge zur 17. Jahrestagung der DGGTB in Jena 2008
(Verhandlungen zur Geschichte und Theorie der Biologie 15)
320 S., 17 x 24 cm
VWB-Verlag, Berlin 2010
ISBN     978-3-86135-395-9
34,00 Euro
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Die Disziplingenese der Biologie und die weitere Auffächerung der Biowissenschaften liefern ein besonders spannendes Kapitel der Geschichte der Naturforschung. Daher griff die Deutsche Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie auf ihrer Jahrestagung 2008 in Jena zum zweiten Mal das Thema „Entstehung biologischer Disziplinen“, diesmal mit einem Schwerpunkt auf den Entwicklungen im 20. Jahrhundert, auf. Um 1900 war die Emanzipation der Biologie als Wissenschaft mit ihren wichtigsten Teildisziplinen längst vollzogen. Botanische und zoologische Lehrstühle und dann Institute hatten sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts an den Universitäten außerhalb der Medizinischen Fakultäten fest etabliert. Die zunehmende Institutionalisierung und Professionalisierung sorgte für eine wachsende Zahl von Experten, die sich nun wiederum auf verschiedenen Forschungsfeldern weiter spezialisierten. Durch die Herausgabe von Fachzeitschriften für die einzelnen Gebiete beschleunigte sich die Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse. In der Gründung neuer Fachgesellschaften und der Einrichtung von Lehrstühlen für biologische Spezialgebiete zeigte sich der Prozess der Herausbildung neuer (Teil)-Disziplinen aus den sich etablierenden Forschungsfeldern. Aus der Biologie werden die Biowissenschaften, die sich zunehmend in Richtung Chemie und Medizin öffnen und neue Schwerpunkte erschließen bzw. Themenfelder besetzen, etwa im Bereich der Biotechnologie. Sie führen schließlich zu den Lebenswissenschaften oder Life Sciences, die weitere Felder aus anderen Disziplinen, etwa der Informatik oder der Psychologie, mit einbeziehen. Die Disziplinen sind im Fluss, verändern ihre Dimensionen und wachsen sich teilweise zu Megadisziplinen aus, verlieren aber manchmal auch ihren Status und ihre Eigenständigkeit.

Die Beiträge werden mit historischen Analysen zur Ethologie/Verhaltensforschung bzw. zur aus dem akademischen Lehrbetrieb verschwundenen Tierpsychologie eröffnet und durch eine kritische Betrachtung der Wissenschaftsbegriffe Instinktlehre, vergleichende Verhaltensforschung, Verhaltensbiologie und Ethologie ergänzt. Der Band behandelt sowohl Fragen der Disziplingenese der Theoretischen Biologie, der Genetik, der Ökologie und der Wissenschaftsgeschichte, aber auch Grundlagen der Biologie aus begriffsgeschichtlicher Perspektive. Evolution wird als „Forschungsfeld im Grenzbereich“ charakterisiert und der Einsatz des deutsch-amerikanischen Physiologen Jacques Loeb (1859–1924) im Umfeld des Ersten Weltkriegs für die Etablierung einer „General Physiology“ dargestellt. Die Rolle von Fachgesellschaften im Kontext der Disziplingenese wird an der Entwicklung der Deutschen Malakozoologischen Gesellschaft und der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Parasitologie analysiert. Biologiegeschichte am Tagungsort Jena spiegeln Ausführungen zur Besetzung der auf Vorschlag von Ernst Haeckel (1834–1919) eingerichteten RitterProfessur für Phylogenie und der später initiierten Haeckel-Professur für Geologie und Paläontologie sowie über den Botaniker und Rektor der Friedrich-Schiller-Universität Otto Schwarz (1900–1983) wider.

Inhalt

Michael Kaasch und Joachim Kaasch
Vorwort
S. 7 – 10
Bernhard Hassenstein
Entwicklung der Verhaltensbiologie und biologischen Kybernetik im 20. Jahrhundert. Zur 100. Wiederkehr des Geburtstags von Erich von Holst (1908–1962)
S. 11 – 26
Detlef Bückmann
Die frühen Erkenntnisse der Tierpsychologie
S. 27 – 45
Volker Schurig
Instinktlehre, Vergleichende Verhaltensforschung, Verhaltensbiologie oder doch Ethologie? Die Analyse von Wissenschaftsbegriffen als Gegenstand einer Theoretischen Biologie
S. 47 – 85
Georg Toepfer
Was sind die Grundbegriffe der Biologie?
S. 87 – 101
Wolfgang Alt
Entwicklung der Theoretischen Biologie und ihre Auswirkung auf die Disziplingenese im 20. Jahrhundert
S. 103 – 135
Michael Brestowsky
Evolution – ein Forschungsfeld im Grenzbereich
S. 137 – 143
Rudolf Hagemann
Die Disziplingenese der Genetik im 20. Jahrhundert
S. 145 – 170
Heiner Fangerau
Biologie und Erster Weltkrieg: „General Physiology“ und ihr Ursprung im Unfrieden
S. 171 – 180
Thomas Kirchhoff und Annette Voigt
Rekonstruktion der Geschichte der Synökologie. Konkurrierende Paradigmen, Transformationen, kulturelle Hintergründe
S. 181 – 196
Marion A. Hulverscheidt
Zur Konstituierung der Parasitologie 1950–1990: Ein Werkstattbericht zum Gründungskontext der Deutschen Gesellschaft für Parasitologie 1960–1962
S. 197 – 212
Michael Kaasch und Joachim Kaasch
„… daß die mir zutheil gewordene Ehrung nicht der Person, sondern dem Fache gilt“ – Die Leopoldina und die Wissenschaftsgeschichte
S. 213 – 253
Dietrich von Knorre
Die „Ritter-Professur für Phylogenie“ an der Universität Jena und die Ritter- und Haeckel-Professoren
S. 255 – 267
Michael Markert
Zum Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Politik. Otto Schwarz (1900–1983) und die Spezielle Botanik in Jena
S. 269 – 281
Jürgen Jungbluth
Die Deutsche Malakozoologische Gesellschaft [DMG], gegründet 1868 zu Frankfurt am Main. Von Naturforschern und Privatgelehrten – Conchyliologen und Malakozoologen – befreundeten Naturforschern und ihren „Netzwerken“ zu Arbeitsgruppen als Forschungsplattformen und Vorstufen zur Gründung von Fachgesellschaften
S. 283 – 312
Personenregister S. 313

 

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