Annals of the History and Philosophy of Biology 22

Kittelmann, Jana (Hrsg.)
Botanik und Ästhetik
(Annals of the History and Philosophy of Biology 22 / 2017)
338 Seiten, 17 x 24, Softcover
Unversitätsverlag Göttingen 2018
ISBN: 978 – 3‐86395 – 378‐2 (Print)
DOI: https://doi.org/10.17875/gup2018-1110
35,00 Euro
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Abstract

Unter dem Titel Botanik und Ästhetik fand vom 14. bis 16. September 2017 in Halle an der Saale das Symposium statt, auf das die hier versammelten Beiträge von Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Botanik, Biologie, Ethnologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Literatur‐ und Kulturwissenschaft, Gartendenkmalpflege, Landschaftsarchitektur und Philosophie zurückgehen.

Ziel des Symposiums war es, die botanisch‐ästhetischen Wechselbeziehungen und Schnittstellen medien‐, epochen‐ und fächerübergreifend von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert anhand einzelner Fallstudien in den Blick zu nehmen. Nicht zuletzt verband sich damit auch der Versuch einer Zusammenführung der sich ursprünglich nahestehenden, ja vielleicht sogar miteinander verbundenen Disziplinen Ästhetik und Botanik, die sich beide im 18. Jahrhundert zu ‚Leitwissenschaften‘ entwickelten und die heute meist nur noch getrennt voneinander agieren bzw. Betrachtung finden.

Der vorliegende Band spürt diesen vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Kunst‐, Literatur‐ und Naturgeschichte, zwischen botanischem Fachwissen und ästhetischen Reflexionen nach. Schriftliche Quellen, Zeugnisse aus der Dichtkunst, der Naturhistorie und philosophische Texte stehen ebenso im Fokus wie Bilddokumente, botanische Illustrationen, Objekte des Kunstgewerbes, Pomologien und Beispiele der Gartenkunst, in denen ein Transfer zwischen botanischen und ästhetischen Diskursen wahrnehmbar wird. Mit Alexander von Humboldt, Albrecht von Haller, Karl Blossfeldt, Moritz Meurer, Ernst Haeckel, Adalbert Geheeb und anderen rücken zudem Einzelpersönlichkeiten, in deren Werk botanische und ästhetische Aspekte eine Verbindung eingehen, ins Blickfeld.

 

Inhalt

Vorwort IX
Jonas Maatsch
Ästhetik der Ähnlichkeit – A. G. Baumgartens ‘Aesthetica’ und die Botanik im 18. Jahrhundert
S. 1 – 16
H. Walter Lack
Schönheit ohne Farbe. Die Pflanzenabbildungen von Alexander von Humboldts Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent
S. 17 – 30
Heike Heklau
Die neue Qualität der Pflanzendarstellung in den botanischen Werken von Joseph Pitton de Tournefort
S. 31 – 46
Holger Foth
Ästhetik im botanischen Werk Albrecht von Hallers
S. 47 – 56
Jana Kittelmann
Apoll und Minerva. Bemerkungen zu ästhetisch‐botanischen Konstellationen in der Literatur des 18. Jahrhunderts
S. 57 – 78
Sebastian Schlinkheider
“Zwillingsschwestern unter verändertem Namen” – Ferdinand Franz Wallrafs (1748 – 1824) Bemühungen um eine integrative Verbindung von Naturgeschichte und Ästhetik in Köln
S. 79 – 94
Baptiste Baumann
Ganzheitliche Naturbetrachtung und Ästhetik der Wissenschaft. Über einige Parallelen und Verschiebungen zwischen den wissenschaftsästhetischen Reflexionen Bernardin de Saint‐Pierres und Alexander von Humboldts
S. 95 – 106
Marcus Becker
‘Lonicera caprifolium L.’ im zauberischen Hain. Empfindsames Sprachspiel und botanische Nomenklatur im Frühen Landschaftsgarten
S. 107 – 122
Heike Tenzer
“Die wilde harbkesche Baumzucht”. Zum Zusammenspiel von Botanik und Ästhetik am Beispiel der Parkanlagen von Harbke und Ostrau
S. 123 – 136
Hubertus Fischer
Botanische Gärten in Lissabon. Funktion und Ästhetik
S. 137 – 152
Joachim Wolschke‐Bulmahn
Der Naturgarten – Historische Aspekte zu einer Ökologisierung
S. 153 – 170
Diana Stört
Das “Samen‐Cabinet” von Christian Reichart (1685 – 1775). Ästhetische und epistemische Funktionen von Samenschränken im 18. Jahrhundert
S. 171 – 186
Maria Will
Historische Obstkabinette: Dokumente wissenschaftlicher Erfassung, handwerklicher Perfektion und Ausdruck ästhetischen Empfindens im 19. Jahrhundert
S. 187 – 200
Anna‐Sophie Laug
Der “Hamburger Pflanzenstil”. Die Rezeption floraler Formen im Hamburger Kunstgewerbe des späten 19. Jahrhunderts
S. 201 – 218
Angela Nikolai
Gestalterisches Pflanzenwissen. Zur Rolle der Botanik in Moritz Meurers kunstgewerblichem Naturstudium
S. 219 – 236
Judith Elisabeth Weiss
Sichtbarmachung des Sichtbaren. Karl Blossfeldts Pflanzenurkunden
S. 237 – 252
Jens Pahnke
Ernst Haeckels frühe botanische Studien und die Pflanzenästhetik
S. 253 – 266
Kristin Victor
Von der Präparation zur Sippenkenntnis. Adalbert Geheebs (1842 – 1909) Mooslandschaften im Kontext der botanischen Systematik
S. 267 – 278
Tobias Mörike
Herbarien als Geomemorabilia. Blumenalben aus Jerusalem
S. 279 – 288
Gottfried Schnödl
Wider die Botanik! Biologie und Ästhetik der Zwischenwesen um 1900
S. 289 – 304
Berbeli Wanning
Nervmuskelstimulation. Körperstrategien in Alfred Döblins ‘Unser Dasein’
S. 305 – 318
Linn Burchert
Erd‐, Licht‐ und Luftnahrung. Botanische Produktions‐ und Wirkungskonzepte in der malerischen Abstraktion und der Künstlerausbildung
S. 319 – 332
Autorenverzeichnis S. 335

 

Vorwort

Der menschliche Geist ist der Blume verwandter als dem Tiere und
hat sich immer so
empfunden. Dieser Umstand allein erklärt es, daß die
Vegetationsmetapher die gesamte menschliche Sprache durchädert und
das heimliche Gerüst aller ihrer Bildlichkeit ist.”

(Rudolf Borchardt, Der Leidenschaftliche Gärtner, 1951/2016)

Unter dem Titel Botanik und Ästhetik fand vom 14. bis 16. September 2017 in Halle an der Saale das Symposium statt, auf das der große Teil der hier versammelten Beiträge zurückgeht. Bei der interdisziplinär ausgerichteten Veranstaltung handelte es sich um eine Kooperation zwischen der Alexander von Humboldt‐Professur für neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer, dem Institut für Geobotanik/Botanischer Garten, (beide Martin‐Luther‐Universität Halle‐Wittenberg) sowie dem Zentrum für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur der Leibniz Universität Hannover.

Dem thematisch bewusst breit angelegten, interdisziplinären Charakter der Veranstaltung entsprechend nahmen Wissenschaftler*innen verschiedener Fachbereiche und Forschungsfelder daran teil. Die Referentinnen und Referenten gehörten den Bereichen Botanik, Biologie, Ethnologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft, Gartendenkmalpflege, Landschaftsarchitektur, Germanistik und Philosophie an.

Ziel des Symposiums war es, botanisch‐ästhetische Wechselbeziehungen und Schnittstellen medien‐, epochen‐ und fächerübergreifend von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert anhand einzelner Fallstudien in den Blick zu nehmen. Nicht zuletzt verband sich damit auch der Versuch einer Zusammenführung der sich ursprünglich nahestehenden, ja vielleicht sogar miteinander verbundenen Disziplinen Ästhetik und Botanik, die sich beide im 18. Jahrhundert zu ‚Leitwissenschaften‘ entwickelten und die heute meist nur noch getrennt voneinander agieren.

Für die Botanik als ‚visuelle Wissenschaft‘ besaß die bildliche Repräsentation von Pflanzen von jeher eine elementare Bedeutung. Vor allem die botanische Illustration entwickelte  ein Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst, das insbesondere in der Morphologie der Pflanzen und ihrer ästhetischen Gestaltung zum Ausdruck kommt.  Ausschlaggebend war dabei immer der enge Austausch zwischen Naturforschern und Künstlern. So lieferten letztere mit illusionistischen Darstellungsweisen und hohem handwerklichem Vollendungsgrad die Zeichnungen, Kupferstiche und Radierungen idealisierter Musterbeispiele von Pflanzen für die zahlreichen botanischen Prachtwerke des 16., 17. und 18. Jahrhunderts und trugen damit erheblich zu einer Weiterverbreitung botanischen Wissens bei. Gleichzeit steht die Verwendung floraler Motive und Vegetationsmetaphern in der bildenden Kunst, der Dichtung und Philosophie in einer langen, bis weit in die Antike zurückreichenden Tradition.

Mit der Herausbildung der Ästhetik als eigenständiger Disziplin einerseits und dem Wunsch nach einem natürlichen System andererseits, welches mit der Einführung der verbindlichen binären Nomenklatur durch Carl von Linné in die Botanik einen prägenden Ausdruck fand, treffen im 18. Jahrhundert schließlich zwei Entwicklungen aufeinander, die verstärkt einen wechselseitigen Transfer von Wissen, Bewertungsmaßstäben, Systemen und Ordnungskriterien, aber auch Motiven und Stoffen nach sich zieht, der in folgende Epochen und unterschiedlichste Genres hineinwirkt. Die von der Botanik gelieferten Systementwürfe nahmen Einfluss auf die Ordnungskriterien der Kunst (Polianski 2004). Andererseits zeigen Publikationen zu den Themen Ästhetik der Blumen oder Ästhetische Pflanzenkunde, dass es auch auf Seiten der Botanik Tendenzen hin zu deren ästhetischer Aufwertung und sinnlicher Durchdringung gab (vgl. Polianski 2004). Diesem Aspekt spürt der vorliegende Band ebenso nach wie den weiteren, vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Kunst‐, Literatur‐ und Naturgeschichte, zwischen botanischem Fachwissen und ästhetischen Reflexionen. Schriftliche Quellen, Zeugnisse aus der Dichtkunst, der Naturhistorie und philosophische Texte stehen ebenso im Fokus wie Bilddokumente, botanische Illustrationen, Objekte des Kunstgewerbes, Pomologien, Beispiele der Gartenkunstsowie der Pflanzengeographie und Pflanzenökologie, in denen ein Transfer zwischen botanischen und ästhetischen Diskursen wahrnehmbar wird. Mit Alexander von Humboldt, Albrecht von Haller, Moritz Meurer, Ernst Haeckel, Adalbert Geheeb und anderen finden zudem Einzelpersönlichkeiten, in deren Werk botanische und ästhetische Aspekte eine Verbindung eingehen, näher Betrachtung.

 

 

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